Familie

In der letzten Zeit ist mir folgendes Bild über den Weg gelaufen und es hat mich zum einen angerührt und zum anderen zum Weinen gebracht.

Julie Dillon: „The Daughter of the Daughter of My Daughter“

Warum ist das so, habe ich mich gefragt. Ist das ein gutes Weinen, ein schlechtes Weinen, ein trauriges Weinen? Ich kann ehrlich gesagt noch nicht so richtig den Finger darauf legen.

Man muss dazu wissen, dass es in meinem Leben von der Familiengeschichte her ein bisschen kompliziert vor sich ging und, in a nutshell, man einfach sagen kann, dass wir nicht die übliche Familie hatten. Ich hatte allerdings auch nicht großartig Probleme, so empfinde ich das zumindest.

Auf dem Bild sieht man Frauen, die sich umeinander kümmern, die ihre jeweilige Tochter lieben, und wenn ich so in mich hinein höre, muss ich sagen, diese Art von Familienzusammenhalt vermisse ich. Andererseits erscheint sie mir auch etwas geschönt, ich glaube, ich kenne keine Familie, zumindest nicht direkt, in der wirklich 4 Generation von Frauen sich so liebevoll umeinander kümmern, in der es keine Streitigkeiten gibt, in der es keine Verwerfungen gibt, die so kuschelig wuschelig und illusorisch ist wie dieses Bild aussieht.

Andererseits ist es ja so, dass es ganz bewusst eine Illusion ist, und dass wir uns mit Illusionen, die wir hier auf Erden haben, das Leben auch schön gestalten können, dass Illusionen auch eine Vision sein können für das Zusammenleben.

Was mache ich aus diesem ganzen Gedankengängen? In meinem Fall ist es so, dass meine Mutter vor, ach ich weiß das jetzt gar nicht mehr, 30 (?) Jahren gestorben ist und meine Großmutter vor gut 15 Jahren. So dass ich zwar sagen kann, ich hatte Frauenfiguren in meinem Leben, ich hatte Familie, weibliche Familienmitglieder in meinem Leben, aber wie ich eingangs erwähnte, die Familienkonstellation ist/war einfach etwas komplexer bei uns.

Irgendwann habe ich mir gesagt, durchaus mit einem gewissen Scherz aber eben in der Tiefe sehr ernsthaft, „Eigentlich ist es ganz gut, dass meine gesamte (enge) Familie gestorben ist, als ich noch nicht mal 30 war.“ Ich war mit 30 durch mit dem ganzen Beerdigungskram, und das erspart mir jetzt viel Arbeit und Nerven, die meine gleich alten Freunde haben, welche so langsam anfangen, ihre Eltern im Alter zu versorgen beziehungsweise zu beerdigen. Diese Emotionen sind in meinem Leben viel früher aufgetaucht, ob zu früh oder zu spät ist immer so eine Frage. Es hat mich auf jeden Fall zu dem gemacht was ich heute bin.

Was bin ich heute? Entwurzelt? Ich bin jemand, der natürlich gerne auch Einbindung hätte, der Familie braucht, der sich sehnt, der aber gleichzeitig sehr genau weiß, dass Blutsbande nicht unbedingt die Familie sind, die jemand braucht oder auch nur haben muss. Man muss sie noch nicht einmal wertschätzen jenseits der Akzeptanz, dass sie dich auf die Welt gebracht haben, das ist zumindest meine Meinung.

Idealerweise ist für mich Familie jemand, der einen Teil deines Lebens mit dir beschreitet. Natürlich, in normalen Familienverhältnissen sind dies zum großen Teil die Eltern und die Geschwister, man wächst ja gut zwanzig Jahre mit ihnen auf, aber wenn das eben nicht so ist, dann können Familie auch ganz andere Menschen sein, die einen ein Stück des Weges begleiten, die einen in den Arm nehmen, die einen leiten.

Komme ich mir schlecht vor, und undankbar und unsozial, weil ich dieses vielleicht seltsame Familienbild habe? Denn es wird in den meisten Medien, bei den meisten meiner Freunde, anders kommuniziert oder gelebt; das klassische Bild wird als selbstverständlich angesehen. Komme ich mir schlecht vor, weil mein Bild als solches schlecht ist? Ich versuche, es nicht geschehen zu lassen, ich versuche jeden Tag an der Illusion festzuhalten, dass Familie überall sein kann und dass Menschen die enger mit einem verbunden sind als andere Menschen, oder die zumindestens Teile des Weges intensiver mit einem beschreiten, dass diese Menschen jedwede Menschen sein können und dass es einem völlig egal sein kann, vielleicht sogar egal sein sollte, vielleicht sogar muss, wer das ist.

Aber ich bin mir nicht immer sicher. Nun gut, es ist, wie es ist, jeder hat seine Geschichte. Machen wir das Beste draus.

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