verletzte Gefühle und whataboutism

Vorab:

Ich habe eine Weile drüber nachgedacht, wie ich diesen Beitrag so neutral wie möglich schreibe. Denn es geht mir um die Sache als solche, nicht den konkreten Fall. Aber natürlich gibt es einen konkreten Fall. Und jeder, der mich kennt, kann sich auch denken, worum es geht. Und zu diesem Fall habe ich auch eine sehr konkrete Meinung, aber, und da sind wir schon bei Punkt eins, nachdem ich zumindest versuchen möchte, keine persönliche Wäsche zu waschen im Blog, diese Meinung kann ich gerne privat äußern.

Die Ausgangssituation:

In einer Amateurproduktion (Leute bekommen kein Geld fürs Engagement) ist uns ein Darsteller sehr knapp vor der Premiere abgesprungen. Mit sofortiger Wirkung, für alle weiteren Vorstellungen, aus persönlichen Gründen. Das heißt, es gab und gibt natürlich jede Menge Umbesetzungsstress und Verwunderung.

Meine Sicht:

Die Gründe des Darstellers sind sicher mannigfaltig. Offiziell heißt es „persönliche Gründe“. Es gab eine freundliche, ehrlich dankbare Verabschiedungsnachricht von ihm und das war’s. Natürlich steckt da mehr dahinter. Und, für mich persönlich, ja, ich kann den Auslöser und den Grund seines Abschieds verstehen. Vielleicht nicht die letzte Konsequenz, gleich ganz auszusteigen, und damit, seien wir ehrlich, das Team im Stich zu lassen, das ja nun am wenigsten für die Situation kann (hoffe ich), aber ich bin auch Sturkopf genug zu sagen und zu bejahen, dass man manchmal einfach sehr konsequent sein muss, um des eigenen Seelenheils willen.

Die Reaktion:

Nun hat dieser Abschied wiederum verschiedene Reaktionen hervorgerufen. Leute, die es insgeheim bewundern, Leute, die es verstehen, Leute, die sauer sind, Leute, die entsetzt sind, Leute, die verletzt sind. Eine der Reaktionen ging etwas mehr ins Detail (aus meiner persönlichen Sicht unnötig – aber, wie erwähnt, wir befinden uns in einem Gebiet der persönlichen Verletzungen) und einer der Punkte, der angesprochen wurde, ging mir dermaßen nahe, dass ich dann doch mal zur Tastatur greifen musste und diesen Eintrag schreiben.

Whataboutism:

Und zwar ging es in letzter Konsequenz darum, dass ‚die Gründe nicht nachvollziehbar / nicht gut genug wären‘ und dass ‚einige Leute im Ensemble viel gewichtigere Gründe, wie z.B. Krankheit oder familiäre Probleme hätten‘.

Und hier ist das, woran ich mich bei dieser Argumentation reibe:
Kaum jemand weiß, wie es dem anderen geht. Es gibt immer jemanden, dem es vermeintlich schlechter geht. Nein, ich muss nicht alle Gründe verstehen. Aber ich muss sie akzeptieren und hinnehmen und ich sollte sie nicht aufwiegen mit meinem persönlichen Werteschema.
Was ist denn ein valider Grund, so kurz vor knapp hinzuwerfen? Wer bin ich, das für andere entscheiden zu dürfen? Ich kann es nur für mich verorten und entscheiden.

Die persönliche Ebene:

Ich habe kaum eine Ahnung, was wer im Ensemble persönlich mit sich rumschleppt (muss auch nicht sein!!). Ich bin persönlich auch niemand, der großartig viel erzählen würde über meine Sorgen und Probleme. Entweder kann ich zu einer Vorstellung oder Probe da sein oder nicht. Und wenn nicht, dann gibt es von mir eine schlichte Erklärung wie „ich bin krank“, „ich habe einen Termin“ oder „ich kann da aus persönlichen Gründen nicht“. Ich finde, es geht nicht jeden etwas an, was mein Termin ist, oder was mein persönlicher Grund ist. Ich finde auch, wenn dem einen der 80. Geburtstag der Großtante wichtiger ist als eine Probe und dem anderen das Nachbarschaftsfest, dann ist das etwas, was im nicht-professionellen Umfeld passiert und wo ich als Regie etc. auch kaum eine Handhabe habe. Außer zu sagen, „wäre toll, wenn du es einrichten kannst, doch zu kommen“. Aber es geht mich verdammt noch mal nichts an, ob der Grund jetzt wichtig oder weniger wichtig als andere Gründe ist. Auch wenn ich persönlich einen 80. Geburtstag halt eher irrelevant finde – das ist meine Wertung, und die zählt in diesem Fall nicht.

Ich hatte im Frühjahr eine depressive Phase. Ja? Nein? Kann man davon schon sprechen? Ist das eine Abwertung der „echten“ Depressiven? Bin ich längst „echt“ depressiv, weiß es nur nicht und kaschiere es nur? – Ich weiß es nicht. Und es ist auch egal, denn -mir- ging es schlecht. Dermaßen schlecht, dass ich für mich Konsequenzen gezogen habe. Eine der Konsequenzen war, zwangsläufig, dass ich Dinge abgesagt habe. Dass ich mich um mein Wohlbefinden gekümmert habe. Meine Absage war aber dennoch meist nur „Ich kann leider nicht, ich muss mich um mich selbst kümmern.“ Klingt das egoistisch? Aber ja, das tut es. Ist es egoistisch? Ja. War es das Richtige für mich? Natürlich! Und nein, ich habe nicht die Pflicht, jedem auf die Nase zu binden, warum genau dieser Grund nun wichtig ist. Deswegen ist er trotzdem da, und valide, und gleichwertig zu allen anderen Gründen.

Ich muss es nicht mögen, wenn jemand mit Gründen und Handlungsweisen kommt, die ich nicht nachvollziehen kann, und ich kann und sollte meine Konsequenzen daraus ziehen – aber was ich persönlich nicht machen möchte (nicht, dass ich vor Fehlern gefeit wäre): Die Gründe des einen mit der Geschichte des anderen aufwiegen.

Und dieses „Über die Schubladen hinaus denken / jeden als Individuum betrachten“ ist eine Mammutaufgabe, die jeden Tag aufs Neue Mut und Konzentration erfordert. Sollte ich hier also mal versagen, denn auch ich kann das nicht 24/7, dann weist mich doch bitte nett drauf hin.

Ein Gedanke zu „verletzte Gefühle und whataboutism“

  1. Ich habe mich über das Thema mal mit ner Psychologin unterhalten: Wie definiert man, wie schlimm etwas ist. Und sie sagte genau das Selbe: immer nur nach dem persönlichen Empfinden.

    Und: nein, ich finde es nicht egoistisch sich um sich selber zu kümmern, wenn man es halt braucht. Denn wenn man das nicht tut geht man kaputt und dann hat niemand mehr was von einem. Nicht nur die nicht, die man versetzen muss, sondern auch die nicht, mit denen zusammen man später wieder was hätte machen können.

    Ich wünschte ich hätte das früher kapiert und ich wäre besser darin richtig einzuschätzen was ich kann und was nicht.

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