Chorprobe & eine Erweckung

Hurra! Die Chorwelt hat mich wieder!

Ausgangslage: In den letzten Jahren ging mir immer mehr die Lust am Chorsingen verloren.

Hintergrund: Ich singe seit nunmehr 18 Jahren (26, wenn man Pionier- und Schulchor dazuzählen möchte) semiprofessionell (sprich: in Konzertchören, Opernextrachören, Kammerchören). Bis dato gerne, laut und schön (nun ja).

In meiner Heimatstadt habe ich im Opern-Extrachor, der gleichzeitig Konzertchor war, angefangen. Dann kam ein Jazzchor dazu. War eine tolle Mischung, weil auf der einen Seite Klassik gesungen und auf der anderen Seite Rhythmus und Genauigkeit sowie Musikgespür im Jazzchor geübt wurde. Nach meinem Umzug nach Hamburg gestaltete sich das Finden eines Jazzchors, als Frau, und insbesondere als Sopran, schwieriger. Ich hatte nunmehr einen neuen Konzertchor und zum ersten Mal einen Kammerchor als Gesangsheimat gefunden. 30 Leute singen teils 8- bis 10-stimmige Werke, das ergibt ca. 3 – 4  Leute pro Stimme und dementsprechend einen höheren Anspruch an Gesangsqualität,  Probendisziplin und Mut, zu singen. (Man möchte ja gar nicht glauben, wieviele Chorsänger, gerade in größeren Chören, sich an andere „ranhängen“ und sich nicht trauen, ihre Stimme todesmutig mal alleine zu singen. Der Tipp meines Hamburger Chorleiters war: „Singt laut, sonst höre ich die Fehler doch nicht und kann sie nicht korrigieren“. Und das hat er immer getan und war auch nie böse, wenn ein falscher Ton kam.) Auch hier gab es wieder die „Ausgewogenheit“ eines größeren Chores, der die großen Werke der Musikliteratur singt und zu Gunsten der Chorgeselligkeit vielleicht nicht hundertprozentig gedrillt ist (schließlich ist man ja auch Mensch irgendwo) und des kleinen, der weniger, aber dafür umso intensiver probt und ein anderes Leistungsverständnis hat. Was im Übrigen bei 30 Leuten leichter unter einen Hut zu kriegen ist als bei 90,  es hat schließlich jeder auch eine eigene Motivation, im Chor zu singen.

Und dann kam der Umzug nach Franken. Die Idee, in einem Jazzchor zu singen, hatte ich mir schon abgeschminkt, hier gibt es noch weniger Jazzchöre und Soprane sind immer noch im Überangebot vorhanden.  Also dann: Konzertchorproben besuchen, Kammerchorproben besuchen, schauen, welcher Chor zu mir paßt.

Beide Chöre habe ich relativ schnell gefunden. Den kleinen, weil er einer der wenigen mit ansprechendem Programm war, den großen, weil ich sofort herzlich aufgenommen wurde. Die Probenarbeit war nicht immer leicht, gerade im kleinen mußten wir uns erst zusammenfinden, da wir auch einen Chorleiterwechsel hatten, aber es ging sich aus.

Und irgendwann, nach meinem Gefühl vor zwei Jahren circa, war bei mir die Luft beim Konzertchor raus. Ich hatte das Gefühl, es werden immer mehr Sonderprojekte an Land gezogen, für die die Probenzeit nicht bedacht wurde. Dementsprechend gab es mehr und mehr Sonderproben. Das  wäre alles erstmal nur unschön (gute Planung ist halt auch eine Kunst) und kein wirkliches Problem, wenn nicht zum einen ein Ton im Chor vorgeherrscht hätte, der sinngemäß lautete „wenn du Mitglied bist, hast du die Verpflichtung, bei allem mitzusingen und an allen Proben (teilweise 3-4 pro Woche) teilzunehmen“ und ich mich nicht zum anderen in den Proben selbst maßlos gelangweilt hätte und das Gefühl gehabt hätte, ich sitze meine Zeit ab. Denn es war so: Hatten wir etwas in einer Extraprobe geübt, zu der -natürlich- ca. 20-30% der Leute nicht kamen, haben wir es in der nächsten Probe wieder geübt. Von vorne, von Null. Das macht man einmal, das macht man viermal, aber beim fünften Mal habe ich mir irgendwann gesagt, dass ich dann zu den Extraproben auch nicht kommen muß, wenn wir’s eh in den regulären Proben alles nochmal machen.

Mein Credo ist: Man darf gerne mal bei Proben fehlen, wenn man halt an dem Tag nicht kann. Aber dann hat man die Eigenverantwortung, daheim zu üben und sich beim Nachbarn (vor der Probe oder in der Pause!, nicht während der Probe und schon gar nicht laut) zu informieren, was letzte Probe angesagt wurde. Gut, dass setzt natürlich voraus, dass der Nachbar sich auch was in die Noten schreibt, aber das ist ein anderes Thema.

Kurz und gut, ich langweilte mich und gab natürlich auch kein gutes Aussenbild ab. Ich halte mir zugute, dass ich immerhin nicht in der Probe in jede einzelne verdammte Unterbrechung reinquatsche, aber zugegeben, die „Fit for Fun“ vor der Nase ist auch kein schönes Bild. Ganz zu schweigen von Handarbeitsprojekten. Teilweise kam ich mir vor wie beim Grünenparteitag. Ich wußte, dass es unhöflich ist, wußte mir aber auch nicht anders zu helfen, denn  bei dem Probentempo wäre ich sonst schlafend vom Stuhl gefallen. Die Wahl des kleineren Übels.

Bis gestern. Es war mir möglich, während der ganzen Probe meine „Sängerspannung“ zu halten, trotz gelegentlicher Stimmeinzelproben und sogar trotz einzelner (kurzer!) Referate des Chorleiters. Ich war nicht abgesungen. Ich war nach der Probe euphorisch.

Ich wußte gar nicht, dass es das Gefühl noch gibt, und dass es eigentlich normal sein sollte: wenn man 2 Stunden gesungen hat, der Körper durchblutet, man selbst hellwach und konzentriert ist und auf einmal denkt „Cool, ich hab wieder gute Laune, das hatte ich vor der Probe nicht!“.

Ich hoffe so sehr, dass wir das Tempo und die Genauigkeit und insbesondere die Probeneffizienz beibehalten können, auch, wenn der eigentliche Chroleiter aus seinem Urlaub wieder da ist. Dass es wieder Spaß macht. Ich glaube, sonst muß ich wirklich pausieren, bis der „Neue“ den Chor (hoffentlich) übernimmt.

Entschleunigung

Ich habe es getan. Ich habe eigenmächtig mein Leben ein Stück weiter entschleunigt. Und meine Teilnahme am Konzert mit dem Shenzen Orchestra Anfang Oktober abgesagt. Mitte Oktober kommt dann schon das Brahms Requiem. Das heißt, bis Anfang Oktober habe ich Montag abends frei, keine Mittwochsproben, keine Chorsamstage. Jedenfalls nicht mit dem Philharmonischen Chor.
Und Leute, es tut so gut!
Es macht so viel mehr Spaß, sich Zeit für meine Freunde zu nehmen (ha! Wenn die Maria wüßte, was wir mit ihr anstellen im August! ha! Wenn der Gottfried wüßte, was auf ihn noch zukommt!), auszugehen, zu kochen, oder auch aufzuräumen und danach mit dem besten Kerl von allen zu kuscheln.
Und das ist es doch, was zählt.