Leseempfehlung: „Yofi oder Die Kunst des Verzeihens“ von Oliver Bantle

»Was geht dich das eigentlich an?«, schnauzte Yofi. Meru hielt inne und drehte sich dem Enkel zu. »Mach dir darüber keine Sorgen: Ich entscheide selbst, was mich etwas angeht.«

»Ja, falls dein Rivale anwesend ist und tatsächlich gegen dich kämpft. Wut hat einen Sinn! Man braucht sie, um sich wehren zu können. Wenn dein Feind aber nur in deinem Kopf existiert, dann richtest du sie gegen dich. (…)«

»Er hätte die Fische aufheitern oder durch den Boden sickern können. Es wäre möglich gewesen, in einem Wasserloch aufzutauchen, auf dem Rücken eines Elefanten an Land zu gehen und mithilfe der Sonne eine weitere Flugreise anzutreten. Bei alledem hätte der Tropfen sein Bestes geben können. Nur eines vermochte er nicht: den Fluss zu lenken (…)

»Jetzt atme ein Bild aus, auf dem deinem Feind anzusehen ist, dass er seinen Traum wahr gemacht hat.« Yofi sah Antros beim Abstieg vom Hohen Berg und ließ die Luft ausströmen. Nach ein paar Atemzügen wurde es warm in seiner Brust.

»Verzeihen ist leider in Verruf geraten. Du musst nicht gut finden, was Antros getan hat.«

»Du musst niemals zulassen, dass dich jemand verletzt. Du musst auch nie wieder mit Antros reden. Du darfst sein Feind bleiben. Wenn du willst: lebenslang.« »Ich dachte, ich soll ihm vergeben …?« »Verzeihen heißt: aufhören, sein eigenes Herz zu verletzen. (…)«

Wenn du erst damit aufhörst, dich selbst zu verletzen, wenn Antros dich vorher um Verzeihung bittet, verleihst du ihm äußerst viel Macht. Entscheidend sollte aber nur sein, wie sehr du dich magst.

Leseempfehlung: „Religionen der Menschheit“ von Michael Blume

Nichtjuden können also als „Kinder Noahs“ betrachtet werden und durch das Führen eines gottgefälligen Lebens durchaus auch „Anteil an der kommenden Welt“ erlangen. Schon im alten Tempel und später auch in den Synagogen gab es Plätze für „Gottesfürchtige“ – Nichtjuden, die dennoch den Einen Gott verehrten. Und wer heute zum Judentum übertreten will (was möglich ist), wird entsprechend sogar darauf hingewiesen, dass dies gar nicht notwendig sei, um vor Gott zu bestehen – es sei als Jude sogar unter Umständen viel schwieriger!

Auf seinen Sohn Isaak beziehen sich die Juden – und auf seinen anderen Sohn Ismael die Muslime. Isaaks Sohn Jakob rang laut 1. Buch Mose (Genesis) 32.23 – 33 tapfer mit Gott in Menschengestalt (oder, wie spätere Gelehrte interpretierten: einem Engel) und erhielt zur Belohnung den Namen Israel – Gottesstreiter.

Ab etwa 1000 v.Chr. entstand das (Stammes-)Königreich Israel, das schließlich in das südliche „Juda“ mit der Hauptstadt Jerusalem und das nördliche „Samaria“ zerfiel.

Das Judentum grenzte sich nun stärker von anderen Religionen ab, verarbeitete aber zugleich auch viele Elemente (etwa die Vorstellung eines bösen Widersachers Gottes) aus dem persischen Zoroastrismus. Die deutlichere Abgrenzung galt auch den Samaritanern, die auf dem Berg Garizim einen eigenen Tempel errichteten.

Während einer kurzen Zeit der Unabhängigkeit verbanden die Hasmonäer die politische und hohepriesterliche Macht und zerstörten 125 v. Chr. auch den konkurrierenden Tempel auf dem Garizim. Bis heute leben noch einige Hundert Samaritaner an der Stätte und entsenden einen Vertreter ins palästinensische Parlament.

Heute weist der Staat Israel vor allem aufgrund der schnell wachsenden, streng religiösen Gemeinschaften als einziger, westlicher Staat stabil mehr als zwei Geburten pro Frau auf. Weltweit leben derzeit etwa 15 Millionen Menschen, die von einer jüdischen Mutter geboren wurden oder zum Judentum konvertierten und also „halachisch“ als Juden gelten, davon knapp die Hälfte in Israel.

Seit dem siebten Jahrhundert vor Christus ist das Sternsymbol belegt, das später als Magen David, „Schild Davids“, bezeichnet wurde und mit vielfachen Bedeutungen belegt wurde: So verweisen die zwölf Zacken auf die Stämme Israels, die sechs Dreiecke auf die Schöpfungstage, das Sechseck in der Mitte auf den Schabbat usw. Über lange Zeiten als Schutz-Talisman sowohl von Juden wie auch Christen und Muslimen genutzt, entwickelte sich der Magen David langsam zum Symbol des Judentums analog zum christlichen Kreuz (etwa an Synagogen).

Die Erschaffung der Welt wird auf das Jahr 3761 vor der christlichen Zeitrechnung datiert. Der Neujahrstag Rosch Ha-Schana (im Spätsommer) leitet zehn Tage der Umkehr zu Gott ein und endet mit dem Versöhnungstag Jom Kippur. (Aus dem jiddischen (deutsch-jüdischen) Neujahrsgruß „A gude Rosch!“ entwickelte sich übrigens der allgemeine Neujahrsgruß „Guter Rutsch!“)

Und tatsächlich wies der Neuroanatom Detlef Linke (1945 – 2005) darauf hin, dass ein vokalarmes Alphabet wie das (Alt-)Hebräische nur gelesen werden könne, indem die Lesenden Wort für Wort die Vokale einfügten. Dies wird vorwiegend in der rechten Gehirnhälfte geleistet, weswegen sich Hebräisch (und ebenso z.B. das ebenfalls vokalarme Arabisch) leichter von rechts nach links („linksläufig“) lesen lässt. Und: In dieser intensiven Gehirnleistung könnten die Lesenden buchstäblich versinken, insofern sie nicht durch zusätzliche Bilder, Töne oder weitere Ablenkungen überfordert und gestört würden. Nach Linke war es also geradezu zu erwarten, dass sich Hebräisch-Lesende zunehmend von Bildkulten abwenden und einen transzendenten, sich über die Schrift offenbarenden Gott entdecken würden. Mehr noch: Es sei kein Wunder, dass nach der griechischen Übersetzung der Bibel in die „Septuaginta“ im ersten Jahrhundert vor Christus die Tradition herausgefordert wurde. Griechisch ist vokalisiert und wird vor allem in der (analytischeren) linken Hirnhälfte verarbeitet, weswegen sich die Schriftrichtung auch ins „rechtsläufige“ ändert. Die beglückenden Schrifterfahrungen seien so nicht mehr zugänglich gewesen, griechisch Lesende hätten zunehmend wieder nach bild- und gefühlsreichen Ergänzungen gesucht – und diese schließlich häufig in den dramatischen Passionserzählungen Jesu gefunden.

In überlieferten Aussagen und der von gegenseitigem Respekt geprägten Begegnung etwa mit dem gottesfürchtigen, aber sicher nicht jüdischen Hauptmann (Zenturio) von Kafarnaum wird auch deutlich, dass Jesus klassisch-jüdisch keine Notwendigkeit gesehen hatte, Nichtjuden zu bekehren.

Als sich an Schawuot immer mehr Menschen zu dieser Lehre bekannten, entstand das christliche Pfingstfest – sozusagen der Geburtstag der Kirche.

Die Umwandlung zu Staatskirchen (z.B. in Armenien bereits um 301 n.Chr., ebenso in Äthiopien usw.) veränderte jedoch nicht nur die Strukturen und Machtverhältnisse, sondern führte auch zum Zustrom vieler Neuchristen aus den etablierten Oberschichten an die Taufbecken. Die Kirchen wurden prunkvoller und rückten zugleich von ihrer Basis aus Armen und Bedrängten stärker an die Seite der Reichen und Herrschenden. Bis heute schwanken christliche Traditionen immer wieder zwischen solchen Bündnissen mit staatlichen Herrschern und der Glut der frühen Sozial- und Reformbewegung.

Heute gehören mehr als zwei Milliarden Menschen, fast jeder dritte Erdenbürger, einer der abertausenden Kirchen an, die sich auf Jesus beruft – etwa die Hälfte davon der römisch-katholischen Kirche. Während das Christentum in Europa durch Austritte und Geburtenarmut schrumpft, wächst es in Asien und Afrika weiterhin

Wie aber signalisierten sich Christen vor der Durchsetzung des Kreuzes ihre Glaubenszugehörigkeit? Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. ist die Verbindung der römischen Zeichen X und P belegt, die griechisch als Chi und Ro für Christos gelesen und als Versprechen des Friedens (Pax) des gekreuzigten Christus (X) verstanden werden konnten. Populär war aber auch der Fisch, war doch schon der biblische Prophet Jona erst von einem gigantischen Fisch verschlungen und dann doch zur Erfüllung seiner Mission wieder freigekommen. Entsprechend sei Jesus in den Tod gegangen und aus diesem auferstanden. Und wieder fand sich eine (möglicherweise als Geheimzeichen verwendete) Wortbedeutung: Das griechische Wort für Fisch Ichthys konnte als Abkürzung für „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“ verstanden werden. Heute verstehen viele nur noch Nordsee…

„Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“

Die Forschungen sind noch nicht abgeschlossen, doch scheint es, als hätte gerade die allzu lange Verschmelzung von religiöser und politischer Macht die eindrucksvolle Blüte islamischer Hochkultur langsam in eine Stagnation übergehen lassen. Dagegen gelang es in Europa insbesondere im Gefolge der Reformation, Kirchen, Staaten, Wirtschaften und Wissenschaften klarer zu unterscheiden und dadurch voneinander zu befreien: Christliche Kirchen entwickelten Wettbewerbsdynamiken, die Staaten entfalteten säkulares und schließlich demokratisches Recht, die Marktwirtschaft entfesselte Wellen von Innovation und Industrialisierung und die Wissenschaften revolutionierten Weltbilder und Technologien.

Das heute bekannteste Symbol für die islamische Welt, die Mondsichel („Halbmond“), hat sogar eine ganz besondere und durch viele Zeitalter reichende Geschichte hinter sich. Sie war bereits in der Bronzezeit – zum Beispiel auch auf der Himmelsscheibe von Nebra – weit verbreitet. In der Antike wurde sie beispielsweise mit Göttinnen wie der römischen Artemis und der griechischen Diana identifiziert. Mit der Verschmelzung des Christentums mit den nachbronzezeitlichen Sonnenreligionen ging auch diese Symbolik in das Christentum ein (vgl. Kap. 2.5). Eine besondere Rolle spielte dabei eine Aussage der Johannesoffenbarung (Apokalypse, Vers 12,1), die auf Maria bezogen wurde: Dann war am Himmel eine außergewöhnliche Erscheinung zu sehen: Eine Frau, die mit der Sonne bekleidet war; unter ihren Füßen hatte sie den Mond und auf dem Kopf trug sie einen Kranz von zwölf Sternen. Maria mit Sternen und Mond wurde zu einem zentralen, christlichen Motiv. Der unter ihren Füssen liegende Halbmond wurde zum Symbol des oströmischen Byzanz, später Konstantinopel.

So komplex die menschliche Geschichte ist, so schält sich doch ein Hauptmotiv heraus: Die Präsenz vieler junger Männer ohne Aufstiegs- und Familienchancen, der so genannte Jugendüberhang (engl. Youth Bulge). Wo immer ein solcher Überhang entsteht, werden sich Teile dieser Bevölkerungsgruppen politischen Bewegungen anschließen, die Eroberungen verheißen – sei es in Form von Stammes-, National- oder Religionskonflikten. Umgekehrt werden sich in Kleinfamilien, die keine Söhne „übrig“ haben, sehr schnell friedfertige Auslegungen durchsetzen – durch Kriege haben diese viel zu verlieren und wenig zu gewinnen.

Leseempfehlung: „Er ist wieder da“ – Roman von Timur Vermes

Und meine Kindle-Zitate:

„»Es geht«, sagte ich entrüstet, »um Deutschland!« »Blöd«, sagte sie, und glotzte wieder in ihren Bildschirmapparat. »Und was ist mit Henndi?« »Ich! Weiß! Es! Nicht!«, schrie ich wütend und marschierte entnervt in mein Zimmer, um meine Fernsehstudien fortzusetzen. »Die ist wahrscheinlich vor Gericht, weil sie ihre Ausbildungsstätte verloren hat!“

„Wer ist verantwortlich? Wer hilft dem deutschen Arbeiter in der Not? Zu wem sollen sie gehen? Hilft der Vorgesetzte? Nein, denn der da schickt die Leute zu dem da und der wieder zu jenem! Und ist das ein Einzelfall? Nein, das ist kein Einzelfall, sondern eine schleichende Krankheit überall in Deutschland! Wenn Sie heute eine Tasse Kaffee kaufen, wissen Sie noch, wer dafür die Verantwortung trägt? Wer diesen Kaffee kocht?

„»Ihr erkennt gute Inhalte nur noch daran, dass der Typ oben auf der Bühne mehr grinst als die Leute unten im Publikum. Sehen Sie sich in unserer Comedy-Landschaft doch um: Kein Mensch kann mehr eine Pointe setzen, ohne dass er sich dabei halb kranklacht, damit jeder merkt, wo die Pointe ist. Und wenn mal einer halbwegs die Fassung bewahrt, dann blenden wir das Gelächter aus dem Hintergrund ein.“

„»Nein«, sagte ich beruhigend, »das ist schon in Ordnung. Ich erwarte von keinem Volksgenossen Perfektion. Ich erwarte nur, dass er sein Bestes gibt, ein jeder auf seinem Posten. Und Sie scheinen mir auf einem ausgezeichneten Wege dazu. Aber bitte, tun Sie mir einen Gefallen: Schreien Sie nicht mehr!“

„»Das war mein Fehler«, sagte Frau Elke, »aber wir kriegen ihn schon wieder hin.« Das gefiel mir. Keine falschen Ausflüchte, keine Ausreden, sondern standhaft sich zu Fehlern bekennen und diese eigenverantwortlich ungeschehen machen – es war immer wieder erfreulich, dass auch in den vergangenen Jahrzehnten das deutsche Rassegut nicht vollkommen im demokratischen Erbsumpfe versunken war.“

„»Mein liebes Fräulein Krömeier«, sagte ich, »ich persönlich halte die kurze Lederhose für die männlichste Hose, die es gibt. Und wenn ich eines Tages wieder Oberbefehlshaber der Wehrmacht bin, werde ich eine ganze Division mit diesen kurzen Hosen ausrüsten. Und mit Wollstrümpfen.“

„Ich hingegen denke oftmals, wenn ich ein ungünstiges Bild von jemandem in einer Illustrierten entdecke, wie er das Gesicht verzieht oder dergleichen: Wer weiß, wie der Fotograf gerade wieder ausgesehen hat.“

„Und ohne eine gefestigte Weltanschauung ist man in der modernen Unterhaltungsindustrie selbstverständlich ohne jede Chance und fernerhin auch ohne Daseinsberechtigung, das Weitere regelt dann die Geschichte.“

„Lediglich das Aussehen war verbesserungswürdig. Nicht, dass sie nicht gepflegt gewirkt hätte, aber dieses aller Freundlichkeit zum Trotze doch recht düstere Auftreten, diese fast ein wenig todesnahe Bleichheit war einer so fröhlichen, lebensbejahenden Bewegung, wie sie der Nationalsozialismus unbestreitbar darstellt, wenig förderlich. Andererseits muss ein Führer über derlei auch hinwegsehen können.“

„Hier geht es um das Ansehen des Deutschen Reiches und in diesen Räumen auch der deutschen Frau! Wenn hier jemand vorbeikommt, möchte ich, dass er den Eindruck eines geordneten Staates hat und nicht …« Weiter kam ich nicht, weil aus dem Auge von Fräulein Krömeier erst eine Träne lief und dann aus dem anderen Auge auch eine und dann überhaupt sehr viele Tränen. Es sind genau diese Momente, die ein Führer im Kriege meiden muss,(…)“

„»Es heißt Volksgenossen«, sagte ich. »Ein Kamerad ist jemand, mit dem man im Schützengraben war. Ich sehe hier mit Ausnahme meiner Wenigkeit niemanden, auf den das zutrifft. Sehen Sie das anders?«“

„Ich hatte selbstverständlich angenommen, die Russen hätten in ihrem Machtbereich alles geschleift, was Zeugnis von unserer Vergangenheit ablegte, aber gegen den Stahlbeton der Organisation Todt hatten sie natürlich keine Chance. Man hat sogar die Flaktürme in Wien stehen lassen müssen, weil man sie einfach nicht sprengen konnte. Natürlich hätte man sie bis unter das Dach mit TNT vollstopfen können, aber Tamms, dieser Teufelskerl, hatte sie genialerweise mitten in die Wohngebiete gesetzt. Jetzt stehen sie immer noch da, Denkmäler deutscher Festungsbaukunst, beeindruckend düster.“